Interview mit Seishiro Endo Shihan

aus Aïkido Journal «Aïki News»
Tamagawa Gakuen 5-11-25-204, Machida-shi, Tokyo 194 Japan
erscheint in den Monaten Januar, April, Juli und Oktober

übersetzt von Gerhard Bley

  

Profil:

Seishiro Endo
Geboren 1942 in der Präfektur Nagano. Abschluss an der Gakushuin Universität. Er begann Aikido als Student an der Universität und trat 1967 in das Hombu Dojo ein. Siebter Dan Aikikai Hombu Dojo Shihan.

Aikido Saku Dojo
596-6 Shimo Hirao
Saku-shi, Nagano-ken
Tel./Fax: 0267-68-5533

 

 

Aikido begeisterte Seishiro Endo bereits auf der Universität so sehr, dass er sich entschloss, der klassischen japanischen "Salaryman"-Kariere als Angestellter eine Absage zu erteilen. Stattdessen schloss er sich als zukünftiger Aikido-Profi dem Aikikai an. Sein ausserordentliches Talent setzt er dafür ein, seinen eigenen Stil - ein Aikido ohne Kraftanwendung - zu verfeinern und zur Reife zu bringen. Was er auf seinem Weg entdeckt und gelernt hat, teilt er mit Schülern in aller Welt.

AJ: Wie haben Sie mit dem Aikido angefangen?

Endo Sensei: Bevor ich anfing, wusste ich noch nichts über diese Kampfkunst. Es war im April 1963, kurz nachdem ich an der Gakushuin Universität anfing. Auf dem Campus fragte mich ein älterer Kommilitone, ob ich nicht Lust hätte, mir einmal den Universitäts-Aikido-Club anzuschauen. Wir gingen zum Dojo und ich nahm gleich am Training teil. Sie liessen mich Shikko und etwa 200 Liegestützen machen. Ich hatte bereits etwas Judo in der High-School gemacht, so dass ich nicht völlig ausser Form war, aber ich war sicherlich nicht auf 200 Liegestützen vorbereitet. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, dass meine Beine sich hinterher einfach weigerten, die Treppen von der U-Bahn-Station hinaufzugehen.

War das Aikido damals eine offizielle Veranstaltung der Universität?

Nein, es wurde als eine Hobby-Sportgruppe betrachtet. Die Gakushuin Universität ist eine relativ alte Schule und hat eine sehr ausgeprägtes Traditionsbewusstsein, so war es schon immer schwierig für neue Gruppen eine offizielle Anerkennung zu erhalten. Zunächst müssen sie ihre Ernsthaftigkeit beweisen und ihre Aussicht auf einen dauerhaften Bestand. Der Club wurde erst drei Jahre nachdem ich sein damals 4. Leiter geworden bin als halboffiziell anerkannt und es brauchte noch einmal 10 Jahre, bis er in das Universitätsprogramm aufgenommen wurde. Alles in allem dauerte es etwa 20 Jahre bis zur vollständigen Anerkennung als offizieller Sport-Club der Universität.

Wer waren am Anfang die Lehrer?

Der erste Shihan, der uns unterrichtete war Hiroshi Tada, aber er ging im September meines ersten Universitätsjahres nach Italien. Für ihn kam Mitsunari Kanai, der uns etwa ein Jahr unterrichtete, und später kam Yasuo Kobayashi für etwa 6 Monate. Bald nach meinem Abschluss ging ich zum Aikikai und wurde als Lehrer zur Gakushuin Universität geschickt.

Nach 4 Jahren an der Universität entschieden sie sich also dafür Aikido-Profi zu werden?

Japanische Uni-Absolventen beginnen ihre Jobsuche bereits im Juni ihres Abschlussjahres (Anm.: in Japan beginnt das Schuljahr im April). Anfang Juli haben sich dann die meisten bereits für eine Position entschieden. Als diese Zeit für mich kam, hatte ich sehr gemischte Gefühle über das, was ich tun wollte. Ich erinnere mich noch an den ersten Tag als ich aus meiner Heimatstadt Nagano nach Tokyo kam. Ich nahm die Yamanote-Linie vom Ueno-Bahnhof und während sie die Stadt umkreiste, konnte ich die vielen riesigen Bürozentren sehen, die an Stationen wie Tokyo, Yurakucho und Shimbashi auftauchen. Ich erinnere mich daran gedacht zu haben: "Nun gut, wahrscheinlich werde ich eines Tages in einem dieser Gebäude arbeiten..." aber je mehr ich Aikido praktizierte, um so faszinierter wurde ich, und als es Zeit war mir einen Job zu suchen, war es sehr schwer für mich zu entscheiden, was ich wirklich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich hatte auch ein Angebot, aber nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht hatte, entschloss ich mich stattdessen für Aikido.

Es braucht für einen frischgebackenen Uni-Absolventen sicherlich viel Mut auf eine klassische Karriere zu verzichten - gerade in Japan.

Wenn sie sich erinnern, dann war die japanische Wirtschaft etwa seit 1960 dabei abzuheben. Ich beendete die Universität 1967 auf dem Höhepunkt der Boomzeit, es gab also ungeheuer viele Jobangebote in grossen Firmen, selbst für jemanden wie mich. Ich muss gestehen, dass ich nicht allzu viel Energie in das Studium gesetzt habe, obwohl ich seit der Vorbereitung für den Aufnahmetest ein begeisterter Leser geworden war. Selbst wenn ich es zur Vorlesung schaffte, schlief ich nach etwa 10 Minuten ein (Lachen). In der Tat, ich glaube, ich habe den Grossteil meiner Vorlesungen verschlafen. Die übrige Zeit las ich in der Bibliothek. Zur Mittagszeit ging ich in die Cafeteria, um zu essen und dann wieder zurück in die Bibliothek. Um zwei Uhr machte ich mich auf den Weg um das Drei-Uhr-Training im Hombu-Dojo mitzumachen, anschliessend ging ich zurück zum Campus, um dort zu trainieren.

Sie scheinen viel Zeit in der Schule verbracht zu haben, aber es fällt mir schwer zu entscheiden, ob sie wirklich ein ernsthafter Student waren (Lachen)!

Ich habe wahrscheinlich dort soviel Zeit verbracht, weil ich nichts anderes zu tun hatte (Lachen). Während meines ersten Jahres entschloss ich mich, wenn ich in der Lage wäre, mindestens acht meiner 14 Fächer gut abzuschliessen, würde ich mich für das Studium einsetzen. Ich bekam aber nur in einem ein 'A', also gab ich damals gewissermassen auf. Ich wusste, dass ich einigermassen gute Noten brauchte, um später einen vernünftigen Job zu bekommen, aber ich dachte, wenn ich so intensiv wie irgend möglich Aikido trainieren würde, würde auch das einen potentiellen Arbeitgeber beeindrucken. Es ist ziemlich naiv und eingebildet, so etwas zu glauben.

Sie scheinen Ihre eigenen Ziele und Ambitionen gehabt zu haben...

Ich glaube, man könnte sagen, dass ich auf meine Träume gebaut habe. Die Leute sagten mir oft, ich sei ein Träumer. Sie fragten mich, warum ich so etwas offensichtlich nutzloses und nirgendwo sonst zu gebrauchendes wie Aikido wählen würde, während ich doch ziemlich gute Aussichten hatte, einen respektablen Job an Land zu ziehen. Aber ich dachte intensives Aikido-Training sei in sich selbst lobenswert. Ich sah keinen Grund, warum ich mich um meinen Lebensunterhalt sorgen müsste, aber selbst wenn sich in dieser Hinsicht Schwierigkeiten ergeben würden, wollte ich mich darum bemühen, mich zu verbessern, selbst wenn es nur wenig wäre, so warf ich mich mit Herz und Seele ins Training. Um mich zu ermutigen, war ich voller Ideen über Jugend, Individualität und Selbstverwirklichung. Sie wissen schon, die "meine Kleidung mag ärmlich sein, aber mein Herz ist aus Gold"-Haltung (Lachen).

Ich kann mir vorstellen, dass sich in den 30 Jahren seit damals Vieles geändert hat und einige Ihrer Universitäts-Kollegen von damals ihre Situation mit Neid betrachten.

Das mag sein. Wenn ich einen Job in einer dieser grossen Firmen angenommen hätte, die ich aus dem Zugfenster sah, sässe ich jetzt sicherlich in eine dunkle Ecke des Büros verbannt oder wäre zu einer bedeutungslosen Tochtergesellschaft abgestellt. Einige meiner Kommiltonen, mit denen ich noch immer in Kontakt bin, haben mir anvertraut, dass ihnen das Leben in den grossen Firmen zwar einige gute Zeiten gebracht hat, speziell als die Wirtschaft am Kochen war, inzwischen glauben sie aber, dass es besser gewesen wäre, etwas zu tun, was ihnen wirklich Freude macht.

Sie haben wahrscheinlich mindestens zehnmal mehr Freiheit wie sie!

Ohne jeden Zweifel.

Welchen Eindruck hatten sie von der Begegnung mit O-Sensei?

Nun, es ist recht schwierig zu beschreiben. Ich kann nicht sagen, dass ich den Eindruck von besonders grosser Stärke hatte oder irgendetwas ähnliches. Sicher, seine Augen drangen durch und durch, wenn er seine Techniken machte, aber im allgemeinen schien er mir mehr ein angenehmer, älterer, liebenswürdiger, grossväterlicher Typ zu sein. Im Training hat er mich nie gewaltig herumgeworfen oder so etwas ähnliches.

Waren Sie noch Student, als Sie ihn zum ersten Mal trafen?

Ich sah ihn zum ersten Mal in meinem ersten Universitätsjahr, damals habe ich auch begonnen, täglich im Hombu Dojo zu trainieren. Ich habe nie mit ihm gesprochen, bis zum Juli in meinem Abschlussjahr, als ich mich entschied, in den Aikikai einzutreten. Mein Vater begleitete mich zum Dojo, um eine persönliche Empfehlung für mich an Kisshomaru Sensei abzugeben und ich hatte damals die erste Gelegenheit, mit O-Sensei persönlich zu sprechen.

Ich erinnere mich einmal als O-Sensei dastand und etwas erklärte. Er sagte mir, ich solle versuchen, seine Knie von der Seite wegzudrücken. Ich war erstaunt, wie weich sie waren. Sie waren weich in einer Art, dass sie sich gar nicht wegdrücken liessen, ungefähr so als würde ich in eine Art Leere fallen, wenn ich versuchen würde weiter zu drücken. Diese eigenartige Weichheit hinterliess eine besonders starken Eindruck bei mir. Dann wieder, zu einem anderem Zeitpunkt als alle anderen gerade nicht im Dojo waren, nahm ich Ukemi für O-Sensei, der einigen Reportern etwas zeigte. Er zeigte eine Technik ähnlich wie suwariwaza kokyuho, aber als ich näher kam, um seine Arme zu halten, fühlte es sich plötzlich an, als wäre ich auf einen grossen Felsen geknallt und ich flog weg.

Wie war es, als Sie im Hombu Dojo trainierten, um Aikido-Profi zu werden?

Nun, so schlimm war es nun auch wieder nicht, wirklich (Lachen). Wir trainierten natürlich morgens von 6 Uhr 30 bis 9 Uhr, aber danach taten wir Dinge wie zum Strand von enoshima zu gehen, zusammen mit den anderen, die zum Training kamen. Damals gab es noch nicht so viel Orte, wo wir unterrichten konnten, deshalb hatten wir einiges an freier Zeit, um solche Dinge zu tun.

Sie müssen diese Zeit als sehr glücklich erinnern!

Ja, sie war grossartig. Heute sind die Lehrgänge an den Universitäten in der Regel auf wenige Tage begrenzt, damals dauerten sie oft eine ganze Woche. Sonst hätten wir wahrscheinlich nicht genug Arbeit gehabt. Damals gab es mehr Freiraum für solche Initiativen.

Selbstverständlich hatte ich auch meinen Anteil an ernsthaftem Training. ein wichtiger Aspekt davon war, jeden Morgen nach dem Training das Dojo von oben bis unten sauber zu machen. Niemand hat mir das befohlen, ich wollte es einfach tun. Ich reinigte die Toiletten jeden Tag, so dass die Becken perfekt sauber waren. Gänzend weiss - so sauber, dass man daraus hätte essen können. Das Dojo ist inzwischen älter geworden, deshalb ist es unvermeidlich, dass es etwas schmutziger wird, aber die Toiletten sind etwas, das man fleckenlos sauber halten kann, wenn man sich die Zeit nimmt, sie bewusst zu reinigen. Ich frage mich inzwischen, ob diese Dinge nicht wichtiger waren, als das tatsächliche Training auf der Matte. Es war in jedem Fall eine wichtige Erfahrung für mich. Wir haben ein Ausdruck "verborgene Tugend ansammeln" (intoku wo tsumo), der sich darauf bezieht, sich selbst zu bessern, indem man freiwillig Pflichten übernimmt, die andere normalerweise versuchen zu vermeiden. Ich glaube, dass solche "Härten" ein wichtiger Aspekt meines Trainings waren.

Sie haben erwähnt, dass sie ein begeisterter Leser sind. Gibt es ein bestimmtes Buch, das sie besonders schätzen oder das besonders hilfreich für sie war?

Ich mag so viele Bücher, dass es schwierig ist, eines davon hervorzuheben. Als ich jünger war - zwischen zwanzig und dreissig - las ich eine Menge Bücher über Zen-Buddhismus, speziell über die Rinzai-Schule. Später begann ich auch über die Soto-Schule zu lesen. In der Tat muss ich aber zugeben, dass meine Lektüre ein ziemlich breites Feld abdeckt, ich kann nicht sagen, in einem bestimmten Gebiet besonders versiert zu sein. Mein Interesse ist sehr breitgefächert, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen. Es ist nur so, dass ich Bücher brauche - ich fühle mich nicht gut, wenn ich nicht etwas zu lesen in der Nähe habe. Ich trage immer ein Buch mit mir herum, selbst wenn es ein dicker Wälzer ist oder ich gar nicht zum Lesen komme. Zur Zeit lese ich etwas von Tempu Nakamura.

Wann haben sie begonnen sich für Tempu Nakamura zu interessieren. Auch in Ihren Zwanzigern?

Ich habe oft von meinem Sempai, der den Tempukai besucht hatte, etwas über ihn gehört. Abgesehen davon, wusste ich damals nicht viel über ihn.

Hat einer der Shihans im Aikikai sie in Ihren Anfangszeiten besonders beeindruckt?

Koichi Tohei hatte vielleicht den stärksten Eindruck auf mich gemacht. Er war der Älteste, dazu kam, dass er eine sehr starke und einzigartige Persönlichkeit hatte. Osawa Sensei war auch so. Einige Zeit nachdem ich zum Aikikai gekommen war, nahm er sich meiner an und erzählte mir viel über Aikido und das Leben im allgemeinen. Viel von dem was und wer ich heute bin, verdanke ich zum grossen Teil ihm.

Damals waren die Lehrer im Hombu Dojo alle noch ziemlich jung und beide, Schüler und Lehrer, trainierten sehr intensiv und energetisch, deshalb wäre es schwierig, eine einzige Person zu benennen, die mein Training mehr als die anderen beeinflusst hätte.

Wie war der Unterricht von Tohei Sensei?

Damals war mein Eindruck, dass er es einfach macht, die Dinge zu lernen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, stelle ich fest, dass seine Unterrichtsmethoden sehr von Tempu Nakamura beeinflusst waren. Er sagte zum Beispiel, "stellt euch das Zentrum der Schwerkraft eurer Hände als unten vor" und solche Dinge. Ich versuchte diesen Unterweisungen zu folgen, so gut ich konnte, aber es war natürlich nie so einfach. Tohei Sensei korrigierte mich immer wieder, bis er schliesslich sagte, "ah, du hast dazugelernt..." Das Problem war, ich konnte eigentlich nicht sehen, was sich geändert hatte, um solch einen Kommentar hervorzurufen. Warum sagte er mir, dass ich mich verbessert hätte, wenn ich selber keine Veränderung feststellen konnte? Das kam immer wieder vor, und schliesslich begann ich etwas frustriert zu sein. Tohei Sensei hatte so viel zu geben, dass ich mich manchmal frage, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn er eine andere Trainingsmethode angenommen hätte.

Ihr Aikido hat sich geändert als Sie in ihre Dreissiger kamen...

Als ich dreissig war, habe ich mir die rechte Schulter ausgekugelt. Dieses Ereignis brachte mich zu einem Wendepunkt in meiner Einstellung zum Aikido. Da war ich also in meinem Zustand, als Seigo Yamaguchi mir sagte, "Du hast jetzt 10 Jahre Aikido gemacht, aber jetzt hast du nur noch deinen linken Arm...Was willst du nun tun? Bis dahin hatte ich nicht sehr oft bei Yamaguchi Sensei trainiert, aber nachdem er das gesagt hatte, ging ich so oft wie möglich zu seinen Stunden. Es war in dieser Zeit, als ich begann zu sehen, wie sehr ich im Training von der Kraft meiner Oberarme und meines Körpers abhängig war. Ich fragte mich, ob es wirklich möglich war, diese Art von Aikido den Rest meines Lebens weiterzumachen. Mit diesen Fragen im Kopf, brachte mich Yamaguchi Sensei´s Frage aus der Fassung, in einen Strudel, der mich auf die nächste Ebene in meinem Training führte. Ich nahm die Gelegenheit wahr, meine Gedanken und meine Einstellung zum Aikido um 180 Grad zu drehen. Ich bin sicher, jeder ist schon mindestens einmal aufgefordert worden "nicht mit der Kraft aus den Schultern zu arbeiten." Yamaguchi Sensei redete auch darüber - Aikido zu machen ohne Kraft zu gebrauchen. Es ist natürlich viel leichter gesagt als getan. Wenn ich versuche, die Kraft aus den Schultern zu nehmen, passiert es oft, dass das Ki gleich mit verschwindet! Das ist zu erwarten. Man kann vielleicht eine Analogie mit dem Skifahren ziehen. Indem man einem fähigen Lehrer folgt und sein Bestes tut, um zu tun, was er tut, scheint es so, als ob man schnell Fortschritte macht und man beginnt, weich die Hänge herunterzuschwingen. Aber die Dinge beginnen in dem Moment auseinanderzufallen, wenn du versuchst, allein Ski zu fahren, ohne Lehrer, der dich führt. So ähnliche Erfahrungen hatte ich, als ich versuchte, mich in meinem Aikido nicht mehr auf die Kraft zu verlassen. Ich konnte es, wenn Yamaguchi Sensei dabei war, aber sobald ich irgendwo anders hinging, stellte ich fest, dass ich nicht mehr dazu in der Lage war. Es war sehr frustrierend und ich verfiel dann immer wieder in meine alte Gewohnheit, mich durch die Techniken durchzupowern. Ich kämpfte beinahe ein halbes Jahr mit diesem Problem.

Ich glaube, es war Shinran (1173 - 1263, Gründer der Jodoshin-Sekte des Pure-Land-Buddhismus) der sagte, "selbst wenn, was mein Lehrer Honen mir sagt, falsch erscheint, selbst wenn es scheint, als wäre ich auf den falschen Weg geführt, so vertraue ich absolut in das, was ich tue und ich folge den Weg meines Lehrers, selbst wenn er in die Hölle führt." Ich dachte, "nun gut, warum nicht? Wenn ich von Yamaguchi Sensei in die Irre geführt werde, dann sei es so!" Von seiner Seite sagte Yamaguchi Sensei selbst so etwas - etwas wie "selbst wenn du es nicht verstehst, nimm mein Wort dafür und tu es. Versuch es einfach mal 10 Jahre lang..." So tat ich das. Anstatt auf der einen Seite zu versuchen, mich von der Abhängigkeit auf meine physische Stärke zu befreien, um dann doch wieder darauf zurückzugreifen, wenn die Techniken nicht funktionierten, entschloss ich mich, den Weg ohne Kraft zu entdecken und dabei zu bleiben, egal was passieren würde.

Dennoch, obwohl ich mich anders entschieden hatte, waren die Trainingsbedingungen die gleichen geblieben. Ich brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass meine Partner nicht einfach für mich Ukemi nehmen würden, wenn ich versuchte, sie ohne Kraft zu werfen. Die einzige Alternative, die mir blieb, war, ihnen zu sagen: "Schaut her, ich kann diese Techniken im Moment noch nicht wirklich, aber dürfte ich euch bitten, trotzdem das Ukemi für mich zu nehmen?" Es war ziemlich unüblich, so etwas von einem vierten Dan zu hören und die Leute waren etwas überrascht. Auf jedem Fall war das der Anfang von meinem weichem Zugang zum Training. Ich war extrem vorsichtig, mich nicht frustrieren oder irritieren zu lassen, weil ich wusste, dass diese Emotionen mich gleich wieder die Kraft hätten gebrauchen lassen.

Wenn ich Ukemi für Yamaguchi Sensei nahm, murmelte er mitunter Sätze wie: "Je mehr du deine Kraft gehen lässt, um so mehr wird dein Ki sich konzentrieren..." und "versammle deine Stärke im unteren Zwerchfell...". Ich versuchte, genau wahrzunehmen, was passierte, wenn ich Ukemi nahm, egal was mit mir passierte, und nach ein paar Jahren begann ich ein Gefühl dafür zu entwickeln, über was er redete und was er tat. Ich wusste, dass ich endlich einen Zugang zum Training gefunden hatte, der für mich funktionierte.

Das Interview wird in Ausgabe 3/97 von Aikido fortgesetzt.

Endo Senseis Worte zum Jahr 2000
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